Besser nicht gar so perfekt. Siehe Frauen im Fussball

Die Fussball-WM der Frauen ist vorbei. Nur die doofe Kuss-Affäre kocht weiter. Ich komme trotzdem zurück auf den Sport. Ich schaute drei Spiele und finde: Etwas könnten wir – über das Fussballfeld hinaus – beherzigen.

Für mich war Fussball stets der Klassiker aller Männersportarten. Beinhart, bierernst. Da wird angegriffen, verteidigt, geschossen – mit vollem Körpereinsatz. Es bricht die uralte Stammesfehde aus, symbolisch zwar, immerhin robust körperlich. Darum hat die Hand hier nichts verloren, zu differenziert, zu entwickelt, zu zivilisiert. Der Fuss übernimmt, auf ihm rennen wir los, mit ihm treten wir nach, kicken weg, was im Weg liegt. Steinzeitlich

Fussball bedient unsere archaischen Bedürfnisse. Entschädigt unsere kultivierte Selbstbeherrschung mit Stammesritualen, im Club- wie im Natifussball. FC Luzern gegen FC St. Gallen, das ist Territorialkampf, da wird der Gegner überrumpelt und abgeschossen, das Terrain erobert. Darum ist Fussball Nummer 1 im Sport. Er eint Regionen und Nationen – über alle Berufs- und Bildungsschranken hinweg. Er belebt Träume und Ängste, die seit der Steinzeit in uns stecken, weckt den jagdgesellschaftlichen Trieb zum kämpfenden Wir. Fussball, die Lizenz zur kurzfristigen Entlastung vom Zivilisationsdruck. Auch darum blieb er so lange Männerdomäne. Ein Fall für Krieger. Samt «Schlachtenbummlern». Jetzt aber spielten Frauen auf. Wie passt das?

Mein laienhafter Eindruck: Fussball wird zivilisierter. Weniger martialisch. Die Stimmung im Stadion heiterer. Die Spielerinnen blicken bei der Hymne nicht so finster drein, sie scheinen besserer Laune als Männer, was sie nicht hindert, danach verbissen zu kämpfen, sie rennen los wie junge Pferde, unermüdlich, sie grätschen hinein, foulen unzimperlich. Trotzdem sind sie freundlicher zu Gegnerinnen, am Ende gar herzlich. Liegt vielleicht am Corpus Callosum, diesem feinen Steg zwischen den Hirnhälften; das ist, sagen Hirnforscher, bei Frauen auffällig dicker, das heisst, es läuft mehr hin und her zwischen dem Rationalen und dem Emotionalen.

Liegt es auch an der Spielweise? Sieht verspielter aus, weniger kontrolliert als bei Männern. Der Ball mag mal vom Fuss springen, ein Pass unpräzise geraten, der Abschluss unlogisch sein, kommt alles auch bei Männern vor – doch hier belebt es das Spiel: Es passiert mehr. Weil die athletische Kontrolle nicht so rigoros ist, kommt mehr Bewegung ins Spiel, Sturmlauf hin, Sturmlauf her. Weniger maschinenartig beherrschtes Vorrücken, das beim Männerfussball oft gähnen macht.

Bei Frauen ist der Ball wieder rund – frei für mehr Eigenleben. Er folgt nicht nur tausendfach eingeübten Stafetten, gehorcht nicht stets höherer taktischer Instruktion. Er wird eigenwillig gedribbelt, beherzt nach vorn gedroschen. Und siehe da, er kommt ähnlich häufig an wie nach ausgeklügelten Pässen. Provoziert den Zufall, bringt die Verteidigung durcheinander, pusht den Siegeswillen.
Beherzigenswert: Das nicht gar so Perfekte kann erfolgreicher sein.

Ludwig Hasler

Philosoph, Physiker, Autor und Menschenkenner lhasler@duebinet.ch

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